Eine kleine Geschichtsnase Pep



Veröffentlicht am 8. Dezember 2012 von


Der Rumäne Lazar Edelanu stellte in seinem Labor an der Humboldt-Universität in Berlin bereits im Jahre 1887 erstmals 1-Phenylpropan-2-amin her, für das man damals keinerlei Verwendung fand. Die Formel verschwand in den Schubladen der Chemiker bis Gordon Alles in Los Angeles in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein künstliches Salz zur Bekämpfung von Asthma entwickelte und ihm den Namen Amphetamin gab. Unter Umgehung des Patentschutzes fabrizierte die Firma Smith, Kline und French Laboratories aus Philadelphia wenig später das “Medikament” Benzedrine, das mit eingetragenem Warenzeichen in einer nie da gewesenen Erfolgsgeschichte schon bald den Pharma-Markt als Wundermittel gegen Asthma, Epilepsie, Schizophrenie, Depressionen, Migräne, Impotenz, Alkoholismus und sogar Nachtblindheit eroberte. Nach wenigen Jahren war klar, dass Benzedrine medizinisch wirkungslos war. Lediglich seine aufputschende, appetitzügelnde Wirkung und eine beruhigende Wirkung bei hyperaktiven Kindern konnte wissenschaftlich belegt werden. Als Beispiel für die damalige Anwendung des “Wundermittels”: Bei den Dreharbeiten zum Hollywood-Filmmusical “Wizard of Oz” verschrieb ein Arzt der pupertierenden Hauptdarstellerin Judy Garland, die für ihre kindliche Rolle als Dorothy langsam zu reif und üppig wurde, Benzedrine in großen Mengen. Damit wurde ihr Hungergefühl so reduziert, dass das Wachstum ihrer Brüste gestoppt werden konnte. Mit den auftretenden Nebenwirkungen konnten die Filmproduzenten gut leben, denn unter der aufputschenden Wirkung des Amphetamins sang Judy nun mit sperrangelweit aufgerissenen strahlenden Augen ihr Erfolgslied “Over the Rainbow”.

Über Jahrzehnte galt der Stoff als Kokain für Arme oder als preiswertes Aufputschmittel, das noch bis 1988 in deutschen Apotheken – z.B. unter dem Namen Captagon – verkauft wurde und erst seitdem dem Betäubungsmittelgesetz unterfällt. Der farblose Stoff war stetiger Begleiter von Nazi-Piloten und amerikanischen GIs in Vietnam, diente zur Ruhigstellung von Kindern und fungierte als Durchhaltemittel für die immer länger arbeitenden Unterschichten in Entwicklungsländern (z.B. Südafrika, Thailand) bis er in den 80iger Jahren als Partydroge die Mittelschicht erreichte.

Ein deutscher Chemiker entwickelte 1937 ein Verfahren, mit dem Chemieabfälle in großen Mengen billig zu Methamphetamin weiterverarbeitet wurden, eine Methode, die sich bis heute bei der illegalen Herstellung der Droge in Hinterhoflaboren durchgesetzt hat. Experimente mit dem neuen Medikament Pervetin an Berliner Studenten zeigten, dass das Schlafbedürfnis durch die Einnahme stark reduziert werden konnte und so war es nahe liegend, dass sich die Wehrmacht schon bald für das Medikament interessierte.

Als deutsche Soldaten im Morgengrauen des 1. September 1939 Polen überfielen, standen viele deutsche Soldaten unter der synthetischen Droge. In den weiteren “Blitzkriegen” gegen Frankreich und Dänemark wurde Pervitin von der Wehrmacht massenhaft eingesetzt und auch die Engländer und Japaner versorgten ihre Soldaten mit Metamphetamin.

Die Droge wurde so durch den Krieg immer populärer und später dann auch mit z.T. tödlichen Folgen für die Sportler zum Doping eingesetzt. So sorgten die Todesfälle der Radsportler Kurt Jensen 1960 und Tony Simpson 1967 für weltweites Aufsehen. Dennoch trat Amphetamin als Vitamin für´s Gehirn weiter seinen Siegeszug bis in akademische Kreise hinein an. Es stand unter dem Ruf, die Motivation und intellektuelle Leistungsfähigkeit steigern zu können, was in den Werbekampagnen der Pharmahersteller effektiv aufgegriffen wurde. Amphetamin wurde als “Frischmacher” der neuen Zielgruppe angeboten. Der wohl bekannteste Experimenteur aus der damaligen intellektuellen Szene ist der Popart-Künstler Andy Warhol, der mit Speed zunächst nur sein Übergewicht bekämpfen wollte, doch sehr schnell die aufputschende Wirkung des Amphetamins schätzte. In immer längeren Wachphasen wechselte er vom handgemalten Bild über den maschinellen Siebdruck und Film auf immer schnellere Produktionsweisen. Mit dem Titel seines Experimentalfilms “Sleep” scheint der Künstler auf das Bezug zu nehmen, was er sich unter der Wirkung von Amphetamin immer weniger gönnte. Im Rückblick beschrieb er seine damalige Drogenphase mit den Worten: “Ich konnte nie feststellen, ob in den Sechzigern mehr geschah, weil es mehr Wachzeit gab, da so viele Leute Amphetamin nahmen, oder ob die Leute anfingen, Amphetamine zu nehmen, weil so viel geschah und sie mehr Wachzeit brauchten.” Doch Anfang der 70iger Jahre erkannten nicht nur die Hippies mit ihrem Slogan “Speed kills”, die verheerende Wirkung von Amphetaminen. Von nun an wurde das inzwischen zur Alltagsdroge avancierte Amphetamin im Zuge medizinischer Erkenntnisse und der neuen Politik des “War on drugs” als zerstörerisches Suchtmittel bekämpft. Fortan fand es seinen Nischenplatz in den Subkulturen der Gesellschaft und prägte die Punkbewegung und deren Nachkommen.

Rechtsanwalt Gerd Meister, Mönchengladbach

Der Artikel basiert u.a. auf den Informationen von Hans-Christian Dany in “einestages” auf Spiegel-Online in dem Artikel “Der Kunst-Stoff”.


Kategorie: Historisches
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